Lade Datum...
Nachrichten aus Kalk
Lokales

Köln-Kalk Geschichte: Vom Wallfahrtsdorf zur Fabrikstadt

Mehr als 1000 Jahre rechtsrheinische Geschichte, vom ersten Hof „Kalka“ über die eigene Stadt mit 33 Fabriken bis zum Strukturwandel rund um den alten CFK-Wasserturm.

Von Tanja Krämer | 19. Juni 2026
Köln-Kalk Geschichte: Vom Wallfahrtsdorf zur Fabrikstadt © Foto: Historisches Archiv der Stadt Köln / Wikimedia Commons (Public domain)
Die Chemische Fabrik Kalk prägte den Stadtteil über 130 Jahre lang. Ihr Wasserturm von 1904 steht bis heute mitten in den Köln Arcaden.

Wer heute durch Kalk geht, sieht ein Einkaufszentrum, eine breite Hauptstraße und einen alten Wasserturm, der mitten aus einem Parkhaus ragt. Genau dieser Turm erzählt die ganze Geschichte: Er gehörte zur Chemischen Fabrik Kalk, und um ihn herum drehte sich über ein Jahrhundert lang das Leben eines der wichtigsten Industrieorte Preußens.

Kalk war einmal eine eigene Stadt mit Stadtrecht, eigenem Wappen und mehr als 27.000 Einwohnern. Diese Chronik führt vom ersten urkundlichen Hof "Kalka" im Jahr 1003 über die große Industriezeit bis zum Strukturwandel von heute.

Was dich erwartet

1003: Der erste Hof "Kalka"

Die Geschichte Kalks beginnt mit einer Urkunde. Im Jahr 1003 übertrug der Kölner Erzbischof Heribert der von ihm gegründeten Benediktinerabtei Deutz zahlreiche Besitzungen, darunter Zehntrechte aus umliegenden Höfen. In dieser Aufzählung taucht erstmals der Name "Kalka" auf, ein landwirtschaftlicher Hof auf der rechten Rheinseite.1

Der Name verweist vermutlich auf kalkhaltigen Boden in der Gegend. Über Jahrhunderte blieb Kalk ein kleines, landwirtschaftlich geprägtes Dorf. 1298 erwarb das Kölner Stift St. Severin Grundbesitz in Kalk, 1394 kam ein weiterer Hof hinzu, der an Bauern verpachtet wurde.2

Pest, Pieta und die Wallfahrt zur Kalker Kapelle

Um 1423 wurde in Kalk ein Gnadenbild der "Schmerzhaften Mutter Gottes" aufgestellt, eine Pieta in einem kleinen Heiligenhäuschen. Als die Pest 1665 in der Umgebung wütete, Kalk aber weitgehend verschont blieb, schrieb man das der Wundertätigkeit des Bildes zu.3

Aus Dankbarkeit errichteten die Kalker 1666 und 1667 eine Kapelle. Ein Sturm beschädigte den Bau 1703 schwer, doch die Pieta überstand ihn unversehrt, was die Verehrung weiter befeuerte. Nach dem Wiederaufbau bis 1710 entwickelte sich Kalk zu einem regelrechten Wallfahrtsort.

Vom Pilgerziel zum Industrieort

Schon 1710 sind rund 700 Pilger an der Kapelle belegt, wenige Jahre später gingen die Schätzungen in die Tausende. Lange war Kalk also ein frommes Ausflugsziel vor den Toren Kölns, lange bevor Schornsteine das Bild bestimmten. 1830 wurde die Kapelle zur Pfarrkirche erhoben.

Ab 1856: Kalk wird zur Fabrikstadt

1843 zählte Kalk nur etwa 96 Einwohner. Was dann folgte, gehört zu den steilsten Entwicklungen im Rheinland. Die Lage rechts des Rheins, der Anschluss an die Eisenbahn und billiges Bauland zogen die Schwerindustrie an.

1856 gründete sich die Maschinenfabrik Sievers & Co., aus der später die Maschinenbauanstalt Humboldt und schließlich die Klöckner-Humboldt-Deutz AG (KHD) hervorging.4 1858 ließen sich die Chemische Fabrik Vorster & Grüneberg sowie die Gebrüder Sünner nieder, deren Brauerei bis heute in Kalk produziert.5

Die Chemische Fabrik Kalk (CFK)

Den Grundstein für Kalks Aufstieg legte die Sodaproduktion. Ab 1860 ließ Dr. Grüneberg Rohsalze per Bahn aus einer alten Saline in Staßfurt nach Kalk bringen. 1892 ging daraus die "Chemische Fabrik Kalk GmbH" (CFK) hervor, die zum Motor der gesamten Industrialisierung des Ortes wurde.6

Die CFK war weit mehr als ein Arbeitgeber. Sie finanzierte den Bau und Unterhalt von Versorgungseinrichtungen mit, darunter das Kalker Krankenhaus und die Kalker Volksbibliothek. 1904 entstand der 43 Meter hohe Wasserturm, der das Werk versorgte und bis heute das Wahrzeichen des Stadtteils ist.7

In manchen Abnehmerländern kannte man den Namen Kalk, aber nicht den Namen Köln.
Über die Exportstärke der Kalker Eisenindustrie um 1900

Produkte der Kalker Metallindustrie wie Werkzeugmaschinen, Lokomotiven und Landmaschinen waren in ganz Europa und darüber hinaus bekannt. Wer mehr über die erhaltenen Industriebauten wissen will, findet sie in unserer Übersicht der Sehenswürdigkeiten in Kalk.

1881: Kalk wird eine eigene Stadt

Das rasante Wachstum schlug sich auch im Status nieder. 1877 wurden ein Rathaus und eine Pferdebahn nach Deutz eröffnet, die im Volksmund "Päädsbahn" hieß.8 Die Einwohnerzahl war von 96 (1843) auf über 9.500 im Jahr 1880 gestiegen.

1881 verlieh der preußische König Kalk die Stadtrechte. 1883 erhielt die junge Stadt offiziell ihr Wappen. Während viele Nachbarorte wie Deutz und Poll schon in den 1880er Jahren nach Köln eingemeindet wurden, behauptete Kalk seine Eigenständigkeit.9

Eine der reichsten Industriestädte Preußens

Bei der Eingemeindung 1910 hatten sich in Kalk 33 Industriebetriebe angesiedelt. Mit rund 27.700 Einwohnern galt die kleine Stadt als eine der größten und wohlhabendsten Industriestädte Preußens. Mehr Zahlen zur Entwicklung findest du in der Kalk Statistik.

1910: Eingemeindung nach Köln

Am 1. April 1910 verlor Kalk seine Selbstständigkeit. Zusammen mit Vingst und Gremberg wurde der Ort nach Köln eingemeindet.10 Köln gewann damit auf einen Schlag einen starken Industriestandort auf der rechten Rheinseite und Zehntausende neue Einwohner.

Für Kalk bedeutete der Schritt das Ende der eigenen Stadtgeschichte, nicht aber das Ende des Selbstbewusstseins. Bis heute betonen viele Kalker ihre eigene Identität gegenüber dem linksrheinischen Köln. Mehr zur heutigen Bevölkerung liest du im Hub Einwohner in Kalk.

Weltkriege: Rüstung, Streiks und Zerstörung

Erster Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) stellte die CFK die Produktion auf Sprengstoffe und Munition um und entwickelte neue Salpeterverfahren. Die Fabrik prosperierte wirtschaftlich, während die Arbeiter unter Mangel litten. Am 6. Juli 1917 traten in Kalk und Deutz mehr als 12.000 Arbeiter in den Streik.11

Die folgenden Jahre brachten Inflation und Krise. 1922 und 1923 erschütterte eine schwere Industriekrise die Betriebe, erst die Einführung der Rentenmark Ende 1923 brachte eine Stabilisierung.

Zweiter Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg wurde Kalk wegen seiner Industrie zum bevorzugten Ziel alliierter Luftangriffe. Ein verheerender Angriff am 3. und 4. Juli 1943 zerstörte rund 90 Prozent der Kalker Industrieanlagen, darunter große Teile der KHD-Werke. Bei der CFK waren am Kriegsende etwa 80 Prozent aller Gebäude vernichtet, die Produktion kam 1944 vollständig zum Erliegen.12

1945 lebten in dem einst dicht besiedelten Stadtteil nur noch rund 300 Menschen. Kalk war fast ausgelöscht.

Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

Der Wiederaufbau ging zügig. Bei der CFK konnte ab 1946 wieder Ammoniumsulfat geliefert werden, 1949 lief die Sodaproduktion erneut an, und bis 1950 erreichte das Werk wieder sein altes Produktionsvolumen.13

In den 1950er und 1960er Jahren erlebte Kalk einen neuen Boom. Weil Arbeitskräfte fehlten, warben die Betriebe gezielt Gastarbeiter an. Damit begann die multikulturelle Prägung, die Kalk bis heute auszeichnet. Die Kalker Hauptstraße wurde zur lebendigen Einkaufsmeile des rechtsrheinischen Kölns.

1980 ging nach langer Bauzeit, die durch eindringendes Grundwasser verzögert wurde, die U-Bahn in Betrieb und band Kalk besser an die Innenstadt an.14

Ab 1983: Der große Strukturwandel

Der Niedergang kam schleichend und dann mit Wucht. Die Rezession der späten 1970er und der 1980er Jahre traf die Schwerindustrie hart. 1983 strich die KHD im Zuge des allgemeinen Strukturwandels rund 3.400 Stellen.15

Den schwersten Schlag versetzte 1993 und 1994 die Schließung der Chemischen Fabrik Kalk. Mit ihr fielen die letzten rund 2.400 Arbeitsplätze weg, und das Unternehmen, das Kalk groß gemacht hatte, verschwand nach mehr als 130 Jahren.16

35 Hektar Brache

Nach dem Produktionsende wurde das rund 35 Hektar große CFK-Gelände verkauft. Eine riesige Industriebrache mitten im Stadtteil wartete jahrelang auf eine neue Nutzung. Der Wegfall der großen Arbeitgeber prägt soziale Themen bis heute, ein Blick darauf lohnt im Hub Kriminalität in Kalk.

Ab 2005: Arcaden, Odysseum und ein neues Gesicht

Auf der CFK-Brache entstand das neue Kalk. Schon 2001 wurde westlich des späteren Einkaufszentrums das Kölner Polizeipräsidium am Walter-Pauli-Ring fertiggestellt.17

Am 2. März 2005 eröffneten die Köln Arcaden als erstes Einkaufszentrum auf der rechten Rheinseite, mit rund 27.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Der denkmalgeschützte CFK-Wasserturm von 1904 blieb stehen, ein Parkhaus wurde direkt um ihn herum gebaut.18

2009 kam das Erlebnismuseum Odysseum hinzu, das bis 2025 in Kalk Besucher anzog.19 Die neue Einkaufswelt hatte allerdings ihren Preis: Auf der alten Kalker Hauptstraße mussten viele alteingesessene Geschäfte schließen, weil die Kundschaft in die Arcaden abwanderte.

Kalk heute: Zwischen Wandel und Wurzeln

Kalk zählt heute rund 25.246 Einwohner (Stand 31. Dezember 2024) und ist Namensgeber des gesamten Stadtbezirks Kalk mit knapp 122.000 Menschen.20 Der Stadtteil ist jung, international und gilt als eines der spannendsten Veränderungsgebiete Kölns.

Gentrifizierung und Aufwertung sind allgegenwärtig. 2022 eröffnete auf dem Gelände der Sünner-Brauerei die "Sünner Brauwelt", ein Stück gelebte Industriegeschichte, das den Bogen zurück ins 19. Jahrhundert schlägt.21 Wie sich Mieten und Lebenshaltungskosten im Zuge dieses Wandels entwickeln, zeigen die Hubs Mietspiegel Kalk und Lebenshaltungskosten in Kalk.

Was bleibt, ist die alte Kalker Mischung: Der Wasserturm der CFK, die Sünner-Brauerei, die Kalker Kapelle und der traditionsreiche Industriename Deutz, der bis heute weltweit für Motoren steht.22 Aus der Slawenburg wurde keine Wasserstadt wie anderswo, aber aus dem Hof "Kalka" wurde ein Stadtteil, der seine industrielle Vergangenheit nicht versteckt, sondern um sie herum baut.

Newsletter
Bleib in Kalk auf dem Laufenden

Einmal pro Woche kostenlos die wichtigsten Nachrichten, Termine und Tipps aus Kalk per E-Mail. Von Kalkern für Kalker.

Jederzeit kündbar. Mit der Anmeldung stimmst du unseren Datenschutzbestimmungen zu.

Artikel teilen
Unabhängiger Lokaljournalismus

Unterstütze Mein Kalk, damit wir weiterhin kritisch und unabhängig berichten können.

Jetzt mit 5€ unterstützen
Leserstimmen

Noch keine Kommentare. Seien Sie der Erste!

Kommentar schreiben

Wird nicht veröffentlicht

Kostenlose Kalk Woche

Nach dem Motto von Kalkern für Kalker verschicken wir einmal pro Woche kostenlos Neuigkeiten zu Events, Aktuelles und Wissenswertes.

Jederzeit kündbar

Mit der Anmeldung stimmen Sie unseren Datenschutzbestimmungen zu.